„Jedes andere Medikament mit Nebenwirkungen wie Cannabis hatten wir längst verboten“

  • Von: Maike Telgheder


    Der Präsident des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte spricht über Marihuana als Medizin, Lieferengpässe und den geplanten Anbau in Deutschland.


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    Cannabis


    „Das Grundproblem bei der Cannabis-Diskussion ist, dass hier wirtschaftliche Belange über die der Patienten gestellt werden.“


    Bild: dpa


    Prof. Broich, warum ist es wichtig für eine Versorgung Schwerkranker mit Cannabis, dass die Pflanzen auch in Deutschlandangebaut werden?
    Cannabis ist in Deutschland per Gesetz als Medizin zugelassen worden. Das Produkt wird den Patienten auf Kosten der gesetzlichen Krankenkassen zur Verfügung gestellt, ohne dass es die sonst bei Arzneimitteln geforderten Wirksamkeitsnachweise gibt. Cannabis ist sozusagen ein Systembruch. Und damit hier nicht dem internationalen Handel Tür und Tor geöffnet wird, haben wir mit der Cannabisagentur und der Ausschreibung für einen Anbau in Deutschland klare Regeln geschaffen.


    Und etwa die Produktqualität festgelegt.
    Ja. Wenn Cannabis als Medizin eingesetzt werden soll, muss es eine entsprechende pharmazeutische Qualität aufweisen. Diese Standards haben wir in der Ausschreibung gesetzt, wofür wir stark kritisiert worden sind. Cannabis hat ernstzunehmende Nebenwirkungen, wie jetzt immer mehr internationale Studien zeigen. Zum Beispiel kann es schwere Psychosen auslösen. Jedes regulär zugelassene Arzneimittel, das solche Nebenwirkungen zeigt, würden wir sofort vom Markt nehmen. Deswegen ist es wichtig, dass wir strenge Anforderungen an die Produktqualität stellen.


    Und die können importierte Cannabisblüten nicht bieten?
    Grundsätzlich schon. Auch bei den Importen achten wir darauf, dass die Qualitätsmerkmale sehr genau eingehalten werden. Das führt dann aber dazu, dass nur bestimmte Anbieter diese Auflagen erfüllen können.


    Also gibt es Lieferengpässe?
    Eigentlich gibt es keine Lieferengpässe. Jeder, der Cannabis als Medizin in Deutschland braucht, kann es auch bekommen. Diese ganze Aufregung um Lieferengpässe hängt damit zusammen, dass viele Patienten der Meinung sind, dass sie eine ganz bestimmte Blütenzusammensetzung benötigen, um Linderung zu bekommen. Und keine andere. Und diese Blüten sind dann auch häufig die, die besonders viel THC enthalten. Da kann es vorkommen, dass Blüten zwischen den Apotheken schon mal hin und her geschoben werden müssen.


    Das Ausschreibungsverfahren ist aber sehr kompliziert. So kompliziert, dass Anbieter erfolgreich gegen Verfahrensfehler geklagt haben, und Sie eine zweite Ausschreibung starten mussten, was den Anbau in Deutschland hinauszögert.
    Das Grundproblem bei der Cannabis-Diskussion ist, dass hier wirtschaftliche Belange über die der Patienten gestellt werden. Das ist für mich als Präsident der zuständigen Behörde ein unhaltbarer Zustand. Was glauben Sie, wie viele Anfragen von landwirtschaftlichen Betrieben und Gärtnereien wir hatten, die das große Geschäft gewittert haben, aber über keinerlei Erfahrung im Arzneipflanzenanbau verfügen. Wir wollen aber, dass die gesamte Kette qualitätsgesichert ist. Denn es bleibt dabei: Cannabis ist ein Systembruch und Cannabis wird ohne Wirksamkeitsnachweis eingesetzt. Die Opiat-Katastrophe in den USA ist ja nun abschreckendes Beispiel genug und zeigt, wo ein System mit Fehlanreizen versagt hat. Deswegen will ich nicht, dass hier Grenzen verwischen.


    Karl Broich


    „Wenn Cannabis als Medizin eingesetzt werden soll, muss es eine entsprechende pharmazeutische Qualität aufweisen.“


    Bild: BfArM


    Aber so ganz ohne Wirksamkeitsnachweis wird Cannabis ja nicht verordnet. Es gibt doch einige Studien.
    Es gibt gute klinische Befunde, wo Cannabis hilft, beispielsweise bei Spastik aufgrund Multipler Sklerose oder auch im Bereich Schmerz und bei Krebspatienten, die an Appetitlosigkeit und Auszehrung leiden. Aber die Diskussion läuft ja teilweise in die Richtung, dass man Cannabis geben muss, wenn man nicht ausschließen kann, dass es doch helfen könnte. Wenn wir das im logischen Schluss auf Krebspatienten anwenden würden, dann müsste man hier auch alles geben können, was vielleicht helfen könnte – ohne jeglichen verlässlichen Nachweis einer Wirksamkeit.


    Und wohin muss der Weg Ihrer Meinung nach gehen?
    Unser Ziel ist es, dass wir mehr cannabisbasierte-Fertigarzneimittel bekommen. Standardprodukte, die dann auch entsprechend mit Studien zu Wirksamkeit und Unbedenklichkeit unterlegt sind. Die jetzige Situation ist für uns nur eine Übergangsregelung. Von diesem Sonderweg wollen wir als Zulassungsbehörde möglichst schnell weg.


    Aber de facto dürfte es noch Jahre dauern, bis es Cannabis-Fertigarzneimittel in einem größeren Umfang gibt.
    Das stimmt, aber wir sind sehr engagiert dabei, pharmazeutische Unternehmer, die sich in diese Richtung entwickeln, zu unterstützen.

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